Aus Bürstädter Zeitung vom 3.01.19976- (oh) heißt ohne Honorar! für den Bericht gab es leider keine Kohle!

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Lokales
Mit Doppeldeckerschwingen durch den Winterhimmel
Ultraleichtflieger Wilfried Lausecker auf frostigem 400-km-Flug
BÜRSTADT (oh). Auf Unverständ­nis und Kopfschütteln stößt Wilfried Lausecker über die Weihnachtstage, als in seinem Bekanntenkreis durch­sickert, daß er gleich nach den Feier­tagen mit seinem offenen Doppel­decker von Bürstadt aus bei sibiri­schen Temperaturen einen längeren Flug auf den Mosenberg bei Kassel unternehmen_will.

Hier der Bericht des Bürstädter Ultraleichtfliegers: „Jeder Blick nach oben, jedes Umschalten des Fernseh­gerätes zu den Nachrichten mit anschließendem Wetterbericht sorgt für ein: "Laß uns nur alleine
- wenn Du nicht binnen 2 Tage wieder Zuhause bist, sind wir mit Last Minu­te im Süden - Du weißt nicht, was du deiner Familie antust - Gerade im Winter stürzen viele Flugzeuge ab!"

So geht es eine Woche lang. Natür­lich gehe ich nicht unvorbereitet im Winter auf so eine Strecke, die nur für den Außenstehenden ein Aben­teuer ist. Die vielen Stärken und wenigen Schwächen des Fliegers wurden ja bei milden Temperaturen auch auf Auslandsflügen erkannt und so standen nur einige Modifika­tionen an. Eine Vergaservorwärmung mit neuem Luftfilter mußte her, die Zugluft vom vorderen Sitz soll durch den Bau einer Abdeckung ferngehal­ten werden. Die Heizleistung und Warmluftführung besonders zu den Füßen des Piloten soll verbessert werden und nicht zuletzt will ich mit einem Integralhelm fliegen in den noch eine Funkvorrichtung eingebaut werden mußte.

So ging es die letzten Wochen teil­weise um 4.00 Uhr aus den Federn und in die Werkstatt, um ungestört die Ideen in die Tat umzusetzen.

Und am 26. 12. ist es soweit. Ein wolkenloser, blaßblauer Himmel, leichter Ostwind und eine strahlende Wintersonne versprechen einen schö­nen und genußreichen Flug. Tapfer  erträgt die Familie den Abschieds-schmerz als ich mich für den Flug anziehe: warme Unterhosen, Ski-socken, die "Zermattschuhe", ein Ski­overall, die Sturmhaube und der Helm.

Ein letztes Mal spricht sich die Beste aller Ehefrauen Mut zu:" Die einzige Chance die ich habe, ist, daß dein Motor nicht anspringt
- aber lei­der springt der Nissan immer an

Mit den Gänsen
So steige ich dann in den Kiebitz, schnalle mich fest und steige wie Nils Holgerson mit den Gänsen in den Bürstädter Winterhimmel auf mit dem Unterschied, daß die Weihnachtsgans sicher und warm im Magen ruht.

Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht, ist doch das Fliegen um vieles sicherer als Autofahren. Unfälle in der Fliegerei resultieren immer aus eigenen Fehlern und Nachlässigkei­ten.

Beim Autofabren ist das anders. Wie oft wird der Unschuldige durch den Fehler oder die Fehlreaktion eines Anderen in den Tod gerissen
-oder verursachen ungünstige Straßenführungen Unfälle.

Die Luftstraße suche ich mir hinge­gen selbst aus: Links am Melibokus vorbei nach Aschaffenburg, dann Richtung Norden. Die Spaziergänger, die um Bürstadt herum unterwegs sind, genießen den schönen, kalten Wintertag genauso wie ich.
Aber die dritte Dimension habe ich weitgehend für mich. Mit jedem Höhenmeter eröffnen sich neue Aus­sichten
- der Odenwald ganz mit Schnee überzuckert- die Steinbrüche bei Dossenheim, der Taunus der Pfäl­zer Wald. Der Rhein glitzert, der Main blinkt mir aus der Ferne zu und immer neue atemberaubende Pan­oramen tun sich auf. Das kann nicht beschrieben, sondern nur erlebt wer­den. Nördlich von Aschaffenburg hat es nicht geschneit. Nur die Kuppen von Spessart und Vogelsberg tragen ihr weißes Weihnachtskleid. Zügig geht es gen Norden auf den Hohen­rodskopf zu. Bei 110 km/h Fahrt ist es im Führersitz ganz angenehm. Fliegt man allerdings schneller, zieht es sehr starck und es wird eisig kalt. Die Füße werden langsam klamm. Noch sind es 70 Minuten bis zum Mosenberg

Am Vogelsberg ziehen Wolkenfet­zen auf. Ich steige durch einige Wol­kenschleier auf 1500 m und fliege dann über den Wolken in der Sonne.

Weiße Federbetten
Gleißend weiße Federbetten, scharf abgegrenzte Wolkenhaufen; immer neuen Wolkenformen segeln unter mir hindurch.

Aus einem besonders schönen Wat­tebausch scheint Frau Holle rauszu­schauen- die Figuren aus dem Win­termärchen nehmen Gestalt an. Es wird empfindlich kalt. Die Orientie­rung wird schwieriger, da die Erde nur durch Wolkenlöcher zu sehen ist. Die Flugroute wähle ich so, daß ich im Falle eines Motorausfalles im Gleitflug ein Wolkenloch erreichen kann und so eine sichere Landung auf einem beliebigen Acker oder einer Wiese möglich ist. Das unterscheidet den Ultraleichtflieger von der größeren Gewichtsklasse: Wir landen im Falle eines Falles überall. Schlimm­stenfalls verbiegt sich an unserem Flieger ein Fahrwerksrohr, was aber problemlos zu reparieren ist.

Eine überschlägige Berechnung ergibt, daß ich in 10 Minuten am Mosenberg sein müßte. Durch das nächste Wolkenloch geht es in einem sanften Bahnneigungsflug unter die Wolkendecke und schon fliege ich über die Homberger Burg. Jetzt heißt es Herantasten an die schneebedeck­te Landebahn - ausschweben und aus­rollen.

Noch so ein Verrückter
Die Kälte wird mir erst jetzt erst so richtig bewußt und im Laufschritt geht es zum Auftauen zum nächsten Heizkörper in das Luftsportvereins­heim - wo ich mit den Worten emp­fangen werde: "Noch so ein Verrück­ter!" Die schon eingetroffenen drei Doppeldeckerpiloten und ich kontern trocken: "Ihr Weicheier!"

So ergibt sich dann noch im Laufe des Abends eine nette Runde mit Erfahrungsaustausch, Diskussion und jeder Menge Fhiegerlatein. Die Nacht wird klar und Minus 15 Grad kalt. Die im freien abgestellten Flug­zeuge Überziehen sich dick mit Rauh­reif und der Mond an dem sternkla­ren Nachthimmel beleuchtet die ringsum liegenden Täler und läßt richtige Hüttenatmosphäre aufkom­men.

Übernachtet wird auf dem Mosen­berg. Der Fallschirmraum und die Flugleitung werden zu je einem Dop­pelzimmer umfunktioniert: Eines für bekennende, und das andere für heimliche Schnarcher.

Nach einem ausgiebigen Frühstück am nächsten Morgen werden die Flugzeuge mit einem Schrubber und einer Leiter enteist. Einer wärmt sei­nen Motor mit einem Heizlüfter vor. Das ist die Strafe dafür, wenn man an der Ölqualität spart.

Bei meinem Flieger verkleinere ich noch mit einem alten Schaumstoffkis­sen den Luftdurchsatz durch das kombinierte Kühl-Heizsystem und schon springt der Micra Motor sofort und willig an. So wird es im Cockpit an den Füßen gleich wärmer.

Irgendwann stehen wir dann hin­tereinander aufgereiht am Rollhalte­ort, starten gemeinsam und fliegen noch ein Stück im Verband nebenein­ander her. Mit einem Winken und Flügelwackeln verabschieden wir uns voneinander und jeder nimmt Kurs auf seinen Heimatflugplatz.